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Das mittelalterliche Skriptorium

In der Literatur des Mittelalters wird die geistige, soziale und ökonomische Entwicklung der Zivilisation sichtbar. Im deutschsprachigen Raum gliedert sich die Epoche in Bezug auf ihre Literatur in drei große Abschnitte:

  • Frühes Mittelalter: Die Literatur der Klöster und Kirchen (8.-12. Jahrhundert)
  • Hohes Mittelalter: Die Literatur der Höfe (12.-13. Jahrhundert)
  • Spätes Mittelalter: Die Literatur der Städte, Höfe und Klöster (14.-16.Jahrhundert).[1]

Für das Schrifttum waren Klöster von großer Bedeutung. Dort wurde gelesen, geschrieben, kopiert und studiert. Kaiser Karl der Große legte im Jahre 789 der zu Aachen tagenden Synode ein Capitulare vor, in dem er die Anweisung gab, dass in jedem Kloster und Domstift Schulen sein sollten, in denen Jungen Psalmen, Schriftzeichen, Gesang, Berechnung der kirchlichen Feiertage und Grammatik erlernen sollten.[2]

Die Organisation der Klosterschule wurde zu einer der wichtigsten Aufgaben eines Klosters. Die Grundlage der Studien bildeten die sieben artes liberales, die als Bildungstradition durch das Mutterkloster vermittelt wurden. Zu diesen Künsten zählten das trivium, bestehend aus Grammatik, Rhetorik und Dialektik, und das quadrivium mit Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik.[3]

Zu jeder mittelalterlichen Klosterschule gehörte auch ein Skriptorium. Eine gut funktionierende Schreibstube war ein Statussymbol der Macht und Bedeutung einer Abtei. Jedes neue Kloster bekam eine Anzahl an Büchern von der Gründungsinstitution und bemühte sich danach ständig, die Bestände zu erweitern, sowohl durch das Abschreiben wichtiger Werke als auch durch das Verfassen von Neuem.[4] Zu den wichtigsten Themen der Literatur zählte man die antiken Klassiker, die theologischen und philosophischen Schriften der Zeitgenossen, Chroniken und alle liturgischen Werke, die der Frömmigkeit dienen sollten. Das wichtigste Buch war aber die Bibel.

Obwohl es an Belegen fehlt, wie das Klosterskriptorium in Corvey aussah, kann man davon ausgehen, dass es sich dabei um eine typische mittelalterliche Schreibstube handelte.

Ein charakteristischer Gegenstand in einem Skriptorium war das Stehpult mit breiter Fläche für die Ablage der großformatigen Werke. Die mittelalterlichen Bibliotheken verfolgten für die Benutzung der Bücher nämlich ein „Pultsystem“[5]: Die Bücher lagen „meist auf Pulttischen oder Buchbänken (pulpita, lectrina), weshalb auch die Inhaltsangaben nicht auf dem Rücken, sondern, auf kleinen, schmalen Pergamentstreifen, unter einer durchsichtigen Hornplatte stehend, auf dem vorderen oder hinteren Einbanddeckel angebracht waren. Entweder bei allen oder wenigstens den wichtigsten Werken war am oberen Ende des vorderen oder hinteren Einbanddeckels eine Kette angebracht, die durch einen Ring an einer oberhalb oder unterhalb der Lesepulte hinlaufenden Eisenstange befestigt war.“[6]

Für die mittelalterlichen Handschriften wurde als Beschreibstoff überwiegend Pergament (griech. pergamene) verwendet, das sehr haltbar und strapazierfähig war. Pergament wurde aus den Häuten von Tieren, hauptsächlich Ziegen, Kälbern und Schafen hergestellt.[7]

In Conrad von Murats Traktat „De natura animalium“ – „Von der Natur der Tiere“ – aus dem 13. Jahrhundert findet man folgende Angaben zur Verarbeitung der Tierhäute zum Pergament: „Die Haut des Kalbes wird, vom Haar befreit, ins Wasser gelegt. Kalk wird hinzugemischt, der alles Rohe wegfressen soll, [Die Haut] vollkommen reinigen und die Haare ablösen soll. Ein Reifen wird angepaßt, an dem die Haut ausgespannt wird. Sie wird an die Sonne gestellt, damit alle Feuchtigkeit entweicht. Dann kommt das Messer und entfernt Fleisch und Haare, macht die Haut geschmeidig und fein. Sie wird in Buchform angepaßt: Zuerst wird sie zu Bogen zweimal gefaltet, [Dann] werden die Bogen zu gleicher Lage vereinigt. Danach kommt der Bimsstein, der alles Überflüssige beseitigt; Kreide wird aufgetragen, damit das [geschriebene] Werk nicht zerläuft. Löchlein werden eingedrückt, denen die Bleistiftlinie folgt, [und] durch deren Hilfe die Zeile ihren Weg nimmt. Die Haut wird vom Fleisch, das Fleisch von der Haut abgezogen: Ziehe du aus deinem Fleisch die fleischlichen Gelüste.“[8]

Das Schreiben auf dem Pergament benötigte spezielle Schreibstoffe, die zumeist in den Skriptorien hergestellt wurden. In der Regel schrieb man bei abgesetzten Buchstaben mit roter Tinte aus Mennige und ansonsten mit schwarzer. Die Tinte wurde in Rinderhörnern aufbewahrt. Die verschiedenen Töne des Schreibstoffes gewannen die Mönche durch ständiges Experimentieren mit unterschiedlichen Materialien. Sie hatten neben Brauntönen tiefschwarze, rote, goldene und silberne Tinten zur Verfügung, um bestimmte Textabschnitte, Buchstaben oder Illustrationen hervorzuheben. Geschrieben wurde mit Schreibfedern, die aus den fünf äußeren Flugfedern von Gänsen gefertigt wurden. Mit einem scharfen Messer schnitt der Schreiber die Feder zu. Erst kürzte er sie und befreite sie von ihrem Bart, dann beschnitt er das Ende des Kiels im spitzen Winkel, schlitzte ihn vorsichtig in der Mitte, entfernte mit Hilfe eines Kehlschnitts die Gegenseite und schnitzte beide Seiten in die entsprechende Form. Die Feder musste immer wieder neu beschnitten werden, um eine saubere und gut lesbare Schrift erzielen zu können.[9]

In den mittelalterlichen Handschriften spielte nicht nur die Schrift selbst eine Rolle. Auch die Buchmalerei gehörte zu den wichtigen Arbeiten bei der Herstellung eines Buches. Dabei wurden erst nach dem Ende des Schreibens die Initialen kunstvoll eingemalt. Auch für andere Bilder und Verzierungen ließen die Schreiber genug Platz.[10]

Mit der Erfindung des Buchdruckes durch Johannes Gensfleisch zum Gutenberg ging die Ära der Handschriften zu Ende. Das Pergament wurde durch preiswerteres Papier ersetzt und die technische Revolution ermöglichte später die Vervielfältigung der Bücher in Tausenden Exemplaren.[11] Noch im 16. Jahrhundert wurden einzelne Handschriften angefertigt, aber die Nachfrage nach den handgeschriebenen Werken wurde immer geringer. Der Buchdruck revolutionierte den Büchermarkt und die Herstellung des Buches.[12]

Marlena Wahrenburg


Verwendete Literatur:
Brinker von der Heyde, Claudia: Die literarische Welt des Mittelalters. Darmstadt 2007.
Bumke, Joachim: Geschichte der mittelalterlichen Literatur als Aufgabe. Opladen 1991.
Faulstich Werner: Medien und Öffentlichkeiten im Mittelalter 800-1400 (Geschichte der Medien, Bd. 2). Göttingen 1996.
Trost, Vera: „drei Finger schreiben und der ganze Körper arbeitet...“. In: Schreibkunst. Mittelalterliche Buchmalerei aus dem Kloster Seeon. Augsburg 1994.
Wiesemeyer Helmut: Corbie und die Entwicklung der Corveyer Klosterschule vom 9. bis 12. Jahrhundert. In: Westfälische Zeitschrift. Nr. 113, 1963.


[1] Vgl. Bumke, Joachim, Geschichte der mittelalterlichen Literatur als Aufgabe, Opladen 1991, S.32.
[2]
Nach Wiesemeyer, Helmut, Corbie und die Entwicklung der Corveyer Klosterschule vom 9. bis 12. Jahrhundert, in: Westfälische Zeitschrift 113, 1963, S. 245-274, hier S.272ff.
[3]
Nach ebd. , S. 273.
[4]
Vgl. Rüthing, Heinrich und Schmalor, Hermann-Josef: Aus mittelalterlichen Bibliotheken des Paderborner und Corveyer Landes, Paderborn 1998, S. 19.
[5]
Vgl. Faulstich, Werner, Medien und Öffentlichkeiten im Mittelalter. 800-1400 (Die Geschichte der Medien 2), Göttingen 1996, S. 110.
[6]
Nach ebd.
[7]
Vgl. Trost, „drei Finger schreiben und der ganze Körper arbeitet...“, in: Schreibkunst. Mittelalterliche Buchmalerei aus dem Kloster Seeon, Augsburg 1994, S. 111-122, hier S. 113.
[8]
Ebd.
[9]
Vgl. Brinker von der Heyde, Claudia, Die literarische Welt des Mittelalters, Darmstadt 2007, S.20.
[10]
Vgl. ebd., S. 23.
[11]
Vgl. Janzin, Marion/Günter, Joachim: Das Buch vom Buch. 5000 Jahre Buchgeschichte, Hannover 2007, S. 100.
[12]
Vgl. ebd., S. 94.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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