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Der Tacitus-Codex

Das Kloster als Bildungseinrichtung hat sich von Anbeginn der Weitergabe der abendländischen Kultur verpflichtet. Diesem Auftrag nachkommend präsentierte sich auch die Abtei Corvey als Ort des Wissens und tat sich besonders auf literarischem, wissenschaftlichem und geistigem Gebiet hervor. Nicht nur die christlichen Überlieferungen wären ohne die Schreibtätigkeit der Mönche in den Klöstern verloren gegangen, auch viele Texte antiker heidnischer Autoren, deren Überlieferung sich die Klöster ebenso verpflichtet hatten, wären für die Nachwelt nicht mehr zugänglich.[1] So verdanken wir heute den „Annalen“ des römischen Historikers Publius Cornelius Tacitus u. a. die Nachricht über die Schlacht im Teutoburger Wald, den Sieg der Germanen über die Römer.[2]

Für die Corveyer Klosterbibliothek des 9. und 10. Jahrhunderts sind direkte Quellen wie Kataloge und Inventare nicht mehr vorhanden. Für Rückschlüsse auf den Bestand können aber die Schriften der Corveyer Mönche als Quelle dienen, in denen viele antike Autoren zitiert werden, deren Werke daher sehr wahrscheinlich in der Bibliothek zur Verfügung gestanden haben. Dazu gehören Werke von Vergil, Sallust, Livius – und Tacitus. Von diesen Handschriften sind aber nur noch zwei vorhanden: die Briefe des Plinius und der berühmte Tacitus-Codex aus dem 9. Jahrhundert, die sich heute beide in Florenz befinden.[3]

Die Zeit des Niedergangs der Abtei Corvey vom 12. bis zum 16. Jahrhundert bedeutete auch für die Bibliothek und ihren Bestand eine Leidenszeit.[4] Charakteristisch für diese Zeit ist der Verlust von wertvollen Handschriften. Viele Schriften wurden sorglos ausgeliehen, ohne dass sie je zurückkamen, und auch vor dem Verkauf scheute man sich  wohl nicht. Zwar befanden sich auch in dieser Zeit noch große Schätze in Corvey, die sich aus der Glanzzeit des Klosters erhalten hatten, im Kloster selbst fanden diese aber nur wenig Beachtung und Interesse und wurden womöglich gar nicht als wertvoll erkannt. Hierzu gehörten auch die antiken Klassiker. Gerade sie waren es aber, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts, in der Zeit der Renaissance und des Humanismus, viele zeitgenössische Forscher anzogen. Verschiedene Humanisten besuchten in dieser Zeit Corvey und entdeckten hier einige Klassiker, die man als „Lohn“ für den Fund gerne „mitnahm“. Für Corvey ist wohl der bekannteste Fall einer solchen Entdeckung die Geschichte um den Tacitus-Codex. Gerade mit dieser Verlust-Geschichte wird die Corveyer Bibliothek immer wieder identifiziert.[5]

Bei dem Tacitus-Codex handelt es sich um einen Teil der Annalen des römischen Historikers Publius Cornelius Tacitus. Dieser beschreibt in seinen Annalen die vorangegangene Epoche vom Tod des Augustus bis mindestens zum Ende der Herrschaft Neros, also ungefähr die Zeit zwischen 14 und 68 n. Chr. Das Werk umfasste ursprünglich etwa 16 oder 18 Bücher[6]. Vermutlich befanden sie sich im frühen Mittelalter in der Klosterbibliothek von Fulda und wurden dort abgeschrieben. Eine Kopie der Annalen aus dem 9. Jahrhundert gelangte auch nach Corvey. Der Mediceus I = Firenze, Bibl. Laur. Med. 68,1[7] beinhaltet als einzige Handschrift heute die ersten sechs Bücher der Annalen des Tacitus.[8] Darin fehlen Teile des fünften und wahrscheinlich auch der Anfang des sechsten Buches, jedoch scheint dies nicht auf Fehlstellen im Manuskriptexemplar, sondern auf eine schon zum Entstehungszeitpunkt lückenhafte Überlieferung des Textes zurückzuführen zu sein. Der Zeitpunkt, zu dem diese Handschrift nach Corvey gelangte, ist unbekannt. Bis zum 16. Jahrhundert befand sie sich in der Corveyer Klosterbibliothek, ohne aber weiter kopiert und beachtet zu werden.[9]

In der Zeit des Renaissance-Humanismus galt den antiken Autoren und ihren Texten dann aber ein besonderes Interesse, so dass italienische Auftraggeber wie adlige Familien und sogar Päpste in ganz Europa nach antiken Handschriften suchen ließen. Dass dieser Handel nicht immer auf legalem Weg vonstatten ging, wurde dabei in Kauf genommen, den Beauftragten absolute Vertraulichkeit zugesichert. So schreibt der italienische Humanist Poggio Bracciolini, der sich unermüdlich damit beschäftigte, antike Schriften zu suchen und zu sammeln, am 27. September 1427 an seinen Freund Niccolò Niccoli: „Wenn ich die Schrift von Cornelius Tacitus erhalte, werde ich sie gut verstecken – denn ich kenne ja das übliche Lied: ‚Woher stammt sie und wer brachte sie hierher? Wer erhebt den Anspruch, ihr rechtmäßiger Besitzer zu sein?’ Aber mache dir keine Sorgen: nicht ein Wort wird über meine Lippen kommen.“[10] Hier wird nicht näher bestimmt, welche Schrift des Tacitus gemeint ist; Poggio Bracciolini bestätigt aber wenig später in einem weiteren Brief den Erhalt einer Tacitusschrift von Niccoli, wohl die Bücher 11-16 der Annalen und die Historien, in „litteris langobardis“: Diese Handschrift wird mit dem Mediceus II = Firenze, Bibl. Laur. Med. 68,2 identifiziert.[11]

In Bezug auf Corvey hatte Poggio Bracciolini allerdings nicht das richtige Gespür, denn bereits 1420 hatte er Niccoli allgemein in Bezug auf antike Literatur in Klöstern deutlich gemacht: „Beim Kloster Corvey in Deutschland hast du keinen Grund für irgendwelche Hoffnungen [...]. Also gib die Idee auf.“[12] Hier aber irrte er, denn in Corvey wurde Jahrzehnte später die wertvolle Handschrift aufgefunden. Bis zu diesem Zeitpunkt galt der Text als verschollen und sein Inhalt war daher völlig unbekannt. Über die näheren Umstände der Entdeckung weiß man nichts, in jedem Fall aber war der in Corvey befindliche Tacitus-Codex mit den ersten Büchern der Annalen so wertvoll, dass er bis 1508 von einem unbekannten Dieb und auf ungeklärte Weise entwendet wurde und schließlich auf unbekanntem Weg nach Rom gelangte.[13]

In einer Nachricht des Kardinals Franz Soderini vom 1. Januar 1509 teilt dieser einem Freund mit, dass vor kurzer Zeit ein alter und sehr kostbarer Pergamentcodex aus Deutschland nach Rom gebracht worden sei. Dort wurde er 1508 Giovanni de Medici, der von 1513 bis 1521 als Papst Leo X. amtierte, angeboten, nachdem er vermutlich bereits durch mehrere Hände gegangen war. Giovanni de Medici, der selbst den Kreisen des Humanismus angehörte, erwarb die Schrift und zeigte sich höchst erfreut. Sehr bald gab er eine kritische Ausgabe der ersten fünf Bücher des Tacitus-Textes in Auftrag, die durch Filippo Beroaldo fertiggestellt und 1515 gedruckt wurde.[14] Ein Exemplar dieser Ausgabe ließ Papst Leo X. 1517 nach Corvey schicken, damit der Text dort zum Ersatz für die Handschrift wenigstens in gedruckter Form weiter existierte. Diese gedruckte Ausgabe trug den Titel „P. Cornelii Taciti Libri quinque noviter inventi atque cum reliquis ejus operibus editi“. Der Sendung des Papstes nach Corvey war ein Breve vom 1. Dezember 1517 beigefügt, das heute selbst nicht mehr existiert. Inhaltlich aber ist es bekannt durch ein Breve des Papstes vom gleichen Tag, das an den Erzbischof von Mainz, Kardinal Albrecht von Brandenburg, gerichtet war und diesem den Lütticher Geistlichen Johann Heitmers empfahl, der für den Papst in deutschen Klosterbibliotheken nach alten Handschriften suchen und diese erwerben sollte. In diesem Breve heißt es außerdem, dass Leo X. ein schön eingebundenes gedrucktes Exemplar der Taciteischen Handschrift an das Kloster Corvey geschickt habe, damit sie das Buch „loco subtracti“ zum Ersatz für das Manuskript in ihre Bibliothek aufnehmen könnten. Weiter schreibt Leo X., er habe der Abtei einen immerwährenden Ablass zugestanden,[15] „auf daß sie aber erkennen mögen, daß dieser Diebstahl ihnen viel mehr Vorteil als Schaden gebracht hat“[16]. Das Wort ‚subtractio’ im lateinischen Originaltext lässt kaum einen anderen Schluss zu als den des Diebstahls aus Corvey, der Raub wird also offen zugegeben. [17]

1519 wurde in Basel eine zweite gedruckte Ausgabe der Annalen des Tacitus veröffentlicht. Der in Corvey über Jahrhunderte unbeachteten Schrift wurde so zu neuer Bekanntheit und zu nachhaltigem Ruhm verholfen. Insofern wird der Diebstahl des Tacitus-Codex häufig als ein Glücksfall angesehen, war der bis dahin völlig unbekannte Teil der Annalen des Tacitus durch seinen Druck doch nun einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und wurde vor der möglichen Zerstörung in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges bewahrt.

Die Handschrift selbst war von Papst Leo X. für die von Lorenzo de’ Medici gegründete Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz bestimmt worden und wird dort bis heute aufbewahrt. [18] Die Abtei Corvey forderte die Handschrift anscheinend nie zurück – war es doch auch die Zeit in der man Drucke für schöner und brauchbarer erachtete als alte Handschriften.[19]

 

Elisabeth Sudhoff

 

Verwendete Literatur: 

Bartels, Gerhard: Die Geschichtsschreibung des Klosters Corvey, in: Philippi, Friedrich (Hg.): Abhandlungen über Corveyer Geschichtsschreibung (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen), Münster 1906, S. 101-172.

Honselmann, Klemens: Der Diebstahl der Tacitus-Handschrift in Corvey und die Anfänge der Altertumsforschung in unserer Heimat, in: Die Warte 32 (1971) Heft 5, S. 65-68.

Poggio Bracciolini, Gian Francesco: Two Renaissance Book Hunters. The Letters of Poggius Bracciolini to Nicolaus de Niccolis, Translated from the Latin and annotated by Phyllis Walter Goodhart Gordan, New York u.a. 1974

Poggio Bracciolini, Gian Francesco: Lettere. A cura di Helene Harth, Bd. 1: Lettere a Niccolò Niccoli, Firenze 1984.

Römer, Franz: Kritischer Problem- und Forschungsbericht zur Überlieferung der taciteischen Schriften, in: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt (ANRW). Geschichte und Kultur Roms im Spiegel der neueren Forschung, Teil II: Principat, Band 33: Sprache und Literatur, 3. Teilband: Allgemeines zur Literatur des 2. Jahrhunderts und einzelne Autoren der trajanischen und frühhadrianischen Zeit (Forts.), Berlin/New York 1991, S. 2299-2339.

Schmal, Stephan: Tacitus, Hildesheim 2005.

Schmalor, Hermann-Josef: Die Bibliothek der ehemaligen Reichsabtei Corvey, in: Westfälische Zeitschrift 147 (1997), S. 51-269.

Schmalor, Hermann-Josef: Die westfälischen Stifts- und Klosterbibliotheken bis zur Säkularisation. Ergebnisse einer Spurensuche hinsichtlich ihrer Bestände und inhaltlichen Ausrichtung (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLIV, Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte 6), Paderborn 2005.

Tiggesbäumker, Günther: Vor 500 Jahren aus Corvey "entwendet". Die Tacitus-Handschrift und ihre Überlieferungen, in: Höxter-Corvey, 57,2 (2009), S. 11-21.

Varusschlacht im Osnabrücker Land. Museum und Park Kalkriese (Hg.): gesprochen – geschrieben – gedruckt. Wie die Rede auf die Varusschlacht kam, Bramsche 2007.


[1] Vgl. Schmalor, Hermann-Josef: Die westfälischen Stifts- und Klosterbibliotheken bis zur Säkularisation. Ergebnisse einer Spurensuche hinsichtlich ihrer Bestände und inhaltlichen Ausrichtung (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLIV, Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte 6), Paderborn 2005, S. 20.

[2] Vgl. Tiggesbäumker, Günther: Vor 500 Jahren aus Corvey "entwendet". Die Tacitus-Handschrift und ihre Überlieferungen, in: Höxter-Corvey, 57, 2 (2009), S. 11-21, hier S. 11.

[3] Vgl. Schmalor 2005 (wie Anm. 1), S. 124.

[4] Vgl. Bartels, Gerhard: Die Geschichtsschreibung des Klosters Corvey, in: Philippi, Friedrich (Hg.): Abhandlungen über Corveyer Geschichtsschreibung (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen), Münster 1906, S. 101-172, hier S. 109.

[5] Vgl. Schmalor, Hermann-Josef: Die Bibliothek der ehemaligen Reichsabtei Corvey, in: Westfälische Zeitschrift 147 (1997), S. 251-269, hier S. 259 f. und Schmalor 2005 (wie Anm. 1), S. 128.

[6] Vgl. Schmal, Stephan: Tacitus, Hildesheim 2005, S. 62.

[7] Vgl. Römer, Franz: Kritischer Problem- und Forschungsbericht zur Überlieferung der taciteischen Schriften, in: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt (ANRW). Geschichte und Kultur Roms im Spiegel der neueren Forschung, Teil II: Principat, Band 33: Sprache und Literatur, 3. Teilband: Allgemeines zur Literatur des 2. Jahrhunderts und einzelne Autoren der trajanischen und frühhadrianischen Zeit (Forts.), Berlin/New York 1991, S. 2299-2339, hier S. 2300.

[8] Vgl. Schmalor 2005 (wie Anm. 1), S. 128.

[9] Vgl. Römer 1991 (wie Anm. 7), S. 2301.

[10] „Cornelium Tacitum, cum venerit, observabo penes me occulte. Scio enim omnem illam cantilenam, et unde exierit, et per quem, et quis eum sibi vendicet; sed nil dubites, non exibit a me ne verbor quidem.” Aus: Poggio Bracciolini, Gian Francesco: Lettere. A cura di Helene Harth, Bd. 1: Lettere a Niccolò Niccoli, Firenze 1984, S. 76; Übers. aus: Varusschlacht im Osnabrücker Land, Museum und Park Kalkriese (Hg.): gesprochen – geschrieben – gedruckt. Wie die Rede auf die Varusschlacht kam, Bramsche 2007, S. 16.

[11] Poggio Bracciolini, Gian Francesco: Two Renaissance Book Hunters. The Letters of Poggius Bracciolini to Nicolaus de Niccolis, Translated from the Latin and annotated by Phyllis Walter Goodhart Gordan, New York u.a. 1974, S. 302, Anm. 2.

[12] „Nam de monasterio Corbeio, quod est in Germania, non est quod speres; dicitur multos esse in eo libros, non credo rumoribus stultorum. At si vera etiam essent que dicuntur, patria omnis latrocinium est: etiam ipsi tribules, qui in curia morantur, non redeunt tuti ad patriam suam. Itaque hanc cogitationem missam face.” Aus: Poggio Bracciolini 1984 (wie Anm. 12), S. 20; Übers. entsprechend gesprochen – geschrieben – gedruckt (wie Anm. 12), S. 19.

[13] Vgl. Schmalor 2005 (wie Anm. 1), S. 129.

[14] Vgl. Honselmann, Klemens: Der Diebstahl der Tacitus-Handschrift in Corvey und die Anfänge der Altertumsforschung in unserer Heimat, in: Die Warte 32 (1971), Heft 5, S. 65-68, hier S. 65 f.

[15] Vgl. Schmalor 2005 (wie Anm. 1), S. 129.

[16] Zit. nach Tiggesbäumker 2009 (wie Anm. 2), S. 12.

[17] Vgl. Schmalor 2005 (wie Anm. 1), S. 129 und Römer 1991 (wie Anm. 7), S. 2301.

[18] Vgl. Tiggesbäumker 2009 (wie Anm. 2), S. 12, 21.

[19] Vgl. Honselmann 1971 (wie Anm. 14), S. 66.

 

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