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Kloster und Schloss Corvey als Orte abendländischer Bildungs- und Mediengeschichte

Die Rekonstruktion der Bibliothek der ehemaligen Reichsabtei Corvey steht im Mittelpunkt des Forschungsprojektes „Kloster und Schloss Corvey als Orte abendländischer Bildungs- und Mediengeschichte“. Seit 2008 wird am Lehrstuhl für Materielles und Immaterielles Kulturerbe der Universität Paderborn in Zusammenarbeit mit der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn eine umfängliche Untersuchung zum Bücherbestand der ehemaligen Klosterbibliothek Corvey durchgeführt, die seit dem frühen 19. Jahrhundert als solche in ihrer Gesamtheit nicht mehr existiert. Die Ergebnisse der Forschung werden auf der Internetplattform „Nova Corbeia – Die virtuelle Bibliothek Corvey“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Am Beginn des Projektes stand, ausgehend von der Auflösung der Bibliothek nach der Säkularisation, zunächst die Frage nach dem Verbleib der Bücher und damit die Klärung ihrer wiederholten Zerstreuung.

Bereits die mittelalterliche Bibliothek wurde im 17. Jahrhundert mit ihrem kompletten Bestand nahezu völlig zerstört. Hiervon blieben nur wenige Zeugnisse erhalten, die deutschlandweit, aber auch über die nationalen Grenzen hinaus nachgewiesen werden können, beispielsweise in Florenz, Rom, London oder New York.

Die Rekonstruktion der Bibliothek richtete sich zunächst vornehmlich auf den im Barockzeitalter wiederaufgebauten, neuzeitlichen Buchbestand. Von den etwa 6.000 Titeln, die am Ende der Klosterzeit vermutlich noch vorhanden waren, ist ein großer Teil verschollen. Das größte noch zusammenhängende Konvolut mit etwa 2.500 Büchern verwahrt heute die Erzbischöfliche Akademische Bibliothek Paderborn, weitere Exemplare befinden sich in Fulda, in Marburg und in Bonn.

Im Rahmen des Forschungsprojektes konnten erstmals, 200 Jahre nach Auflösung der Corveyer Bibliothek, alle heute noch nachweisbaren Bücher erfasst und die Katalogeinträge digital über die Internetplattform für die Benutzung verfügbar gemacht werden.

Die Erforschung der katalogisierten Bücher gab Aufschluss über die Vielfältigkeit der Sammlung und über die Bestandsstruktur, die in der Ausstellung exemplarisch vorgestellt werden soll. Einen weiteren wesentlichen Aspekt des Rekonstruktionsvorhabens stellt die Digitalisierung wertvoller mittelalterlicher Handschriften aus der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn und der Dechanei Höxter dar, die in Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum für Kulturerbe der Universität Paderborn durchgeführt wurde.

Online verfügbar sind derzeit sechs Handschriften aus diesem Bestand, darunter das Corveyer Evangeliar und die Hirsauer Konstitutionen, ebenso wie die Abschrift des Corveyer Bibliothekskatalogs von 1803, der sich heute in der Universitätsbibliothek Marburg befindet und für die Rekonstruktion der neuzeitlichen Bibliothek eine wesentliche Grundlage bildet.

Die Digitalisate können aufgrund ihrer hervorragenden Qualität nun an Stelle der Originale ortsunabhängig über das Internet weltweit genutzt werden und stehen der Provenienzforschung oder der kodikologischen und paläographischen Forschung zur Verfügung.

Die Digitalisierung und der Ausbau der Internetplattform sollen kontinuierlich weitergeführt werden und künftig die Corveyer Handschriften, unikale Dokumente, Urkunden und andere Quellen, die für die Erforschung der Bibliothek von Bedeutung sind, institutionenübergreifend in ihrer Gesamtheit erfassen und miteinander digital vernetzen. Vor allem die Handschriften, die weltweit verstreut sind, können real kaum wieder zusammengeführt werden. Jedoch bietet die Internetplattform die mediale Basis für die Rekonstruktion der ehemaligen Bibliothek. Darüber hinaus kann die Corvey-Plattform in umfassende Netzwerke eingebettet und mit weiteren elektronischen Systemen und Metakatalogen verbunden werden.

Das Projekt leistete damit einen Beitrag zur Erforschung des immateriellen kulturellen Erbes des Klosters, das wesentlich zur Bedeutung und Ausstrahlung der Reichsabtei beitrug. Denn das Kloster galt als wichtige Ausbildungsstätte und als bedeutendes Zentrum der Schriftkultur und der Buchmalerei, damit auch als ein Ausgangspunkt für die Weiterverbreitung von Kultur, Wissenschaft und Bildung im norddeutschen Raum. Von Corvey aus erfolgte nicht zuletzt auch die Alphabetisierung des Nordens. Darüber hinaus kann Corvey als wichtige und frühe Wirkungsstätte für die Rezeption und den Erhalt von antiken Schriften genannt werden, wie es das Beispiel der Annalen des römischen Historikers Tacitus zeigt, die ohne die Corveyer Handschrift teilweise unbekannt und verloren wären.

Die heute greifbaren umfangreichen Informations- und Buchbestände der ehemaligen Reichsabtei lassen Corvey rückblickend als ein universelles Wissensarchiv mit hoher theologischer, kultureller und historischer Relevanz erscheinen.

Corveyer Buchbestände in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn