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Der neuzeitliche Bestand

Wer mehr über die Interessen der Mönche in Corvey erfahren will, kann ihre Buchauswahl für die Bibliothek betrachten. Was dort an Literatur zu finden war, konnten die Konventsmitglieder rezipieren und in ihre gedankliche Welt einbeziehen. Eine höchst wertvolle Quelle ist dabei die Abschrift des Bibliothekskataloges von 1803. Sie gibt – trotz mancher Fehler – recht weit gehende Auskunft über den heute verlorenen Gesamtbestand im Kloster – über Inhalte, Erscheinungszeiträume und Sprachen der Bücher.

Aszetische und weltlich-rechtliche Literatur bildeten die größten Segmente im früheren Bestand (Gruppen P/Y und T). Das Interesse für Spiritualität und Aszese ist bei einer benediktinischen Gemeinschaft unmittelbar plausibel. Das Kloster besaß aber als Reichsabtei zudem juristische Pflichten – auch im Bereich des Feudal- und Strafrechts. Hier musste man mit entsprechenden Hilfsmitteln versorgt sein. Auch im jetzigen Bestand Corvey in Paderborn sind rechtsbezogene Texte neben Dogmengeschichte noch sehr stark vertreten.

Pastorale Werke und Predigten (Gruppen E und G) sind im alten Katalog nur relativ wenige zu finden. Die Hauptaufgabe eines Benediktinerklosters lag und liegt eigentlich nicht bei Seelsorge und Predigt. Im Ist-Bestand Corvey in Paderborn dagegen stellen Werke zu Pastoraltheologie und Predigten einen hohen Anteil. Vielleicht ist manches davon nachträglich hierher gelangt. Die wenigsten Einträge entfallen im alten Katalog auf Kirchenväterliteratur (Gruppe C). Dies geht mit der geringsten Aktualität der Gruppe einher. Fast die Hälfte dieser Werke stammte gemäß dem Verzeichnis schon aus dem 16. Jahrhundert. Auch der Anteil von Drucken aus dem 15. Jahrhundert (Inkunabeln) war sehr hoch.

Die meisten neueren Titel aus dem 18. Jahrhundert enthält im alten Katalog die Gruppe, die Vermischtes, allgemeine Lexika, literarische Werke und Dramen aufnimmt (V). In der späten Klosterzeit schaffte man nicht wenig Unterhaltungsliteratur an, die sich vielfach hier einreiht. Lexika sind zudem eine Buchform, die im 18. Jahrhundert und während der Aufklärung in Deutschland entstanden und in Mode gekommen ist. Ebenfalls sehr aktuell geprägt ist Gruppe M mit Titeln zur profanen Geschichte.

Zugleich sind diese Gruppen für Historisches und Vermischtes diejenigen mit dem höchsten deutschsprachigen Literaturanteil (ca. die Hälfte) – soweit dies dem Katalog zu entnehmen ist. Im Allgemeinen erfolgte um 1700 (auch) in Deutschland ein „Übergang zur Nationalsprache“, der eine „Popularisierung des Wissens“ im Zeichen der Aufklärung einleitete (Raabe). Nur die Predigtliteratur kann auf dem Feld der deutschen Sprache annähernd gleichziehen. Neben lateinischer und deutscher war französischsprachige Literatur im Bestand in gewissem Umfang vertreten.

Die meisten Listeneinträge im Katalog von 1803, die ein Erscheinungsjahr enthalten (dies ist nicht bei allen der Fall), datieren die jeweiligen Ausgaben ins 17. Jahrhundert (etwa 40 %). Demnach lag der zeitliche Schwerpunkt damals anders als im heutigen Bestand Corvey in Paderborn, wo die Zahl an Drucken des 18. Jahrhunderts die des 17. weit übertrifft. Nach Bonn wurde nach 1803 vor allem ältere Literatur abgegeben. Auch die heute schon erschlossenen Corveyer Bücher in Marburg sind vorwiegend im 16. und 17. Jahrhundert erschienen.

Die Corveyer Benediktiner erweisen sich anhand ihrer Bibliothek als vielseitig interessiert. Auch aufklärerische und sogar indizierte Werke befanden sich im Bestand – vielleicht teilweise zur Auseinandersetzung mit gegnerischen Positionen. Die Mönche konnten sich aber auch im Kloster über neue Entwicklungen im technischen Bereich und der Physik informieren. So besaßen sie z.B. Schriften zur sich entwickelnden Elektrizitätslehre. Bei den philosophischen Werken sind im Katalog verschiedene neuzeitliche Denker wie Locke, Descartes, Leibniz und Montaigne zu finden. Einen wichtigen Anteil an der neuesten Literatur vom Ende des 18. Jahrhunderts haben Reisebeschreibungen.

 

Die Ordnung des Wissens

Schon in der Antike und im Mittelalter standen Bibliotheken vor dem Problem der Ordnung ihrer Medien. Seit dem 13. Jh. war im allgemeinen eine Gruppierung von Büchern in Anlehnung an die sieben freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik)  und die Einteilung der Universitätsfakultäten (Medizin, Recht und Theologie) verbreitet. Später verselbständigten sich weitere Einzeldisziplinen. In Klosterbibliotheken unterschied man auch zusätzliche Kategorien im theologischen Bereich.

Generell unterschied sich die bibliothekarische Aufstellungsordnung im 18. Jahrhundert noch wenig von der des Mittelalters. Es sind aber auch Bestrebungen aus dieser Zeit bekannt, Information und Wissen neu zu ordnen. Das Wissenschaftssystem wurde durch die Aufklärung vielfältiger, und man versuchte, dies in der Aufstellung von Büchersammlungen abzubilden.

Aus der mittelalterlichen Corveyer Bibliothek ist leider nichts über die Gliederung der Buchvorräte bekannt. Die sachliche Ordnung in der neuzeitlichen Bibliothek hingegen ist durch die Katalogabschrift von 1803 überliefert. Der Katalog war systematisch geordnet. Folgende 15 Gruppen waren dort vorzufinden. 

Die einzelnen Gruppen sind sehr ausführlich beschrieben. Aufstellungskanon schon im Mittelalter war, dass – wie hier auch – biblische Schriften den Anfang machten. Nicht in jedem Kloster gehörten aber die Bücher der letzten Gruppe (W) – die liturgischen Bücher – zur Bibliothek. Sie hatten als Werke für den rituellen Gebrauch vielfach einen Sonderstatus inne.

In manchen anderen Klosterbibliotheken war Literatur protestantischer Theologen in einer vom Übrigen getrennten Gruppe zusammengefasst. In Corvey gehörten diese Werke zu Gruppe F – gemeinsam mit katholischen Streitschriften. Auch aus anderen Sachgruppen blieben in Corvey protestantische Autoren nicht ausgeschlossen. Mehrere Schriften Melanchthons waren beispielsweise der Gruppe Q / S (Philosophie etc.) zugeordnet. Biblische Schriften in lutherischer Übersetzung waren im Katalog regulär in Gruppe A integriert.

Philosophische und heute naturwissenschaftlich zu nennende Literatur bilden in Corvey eine gemeinsame Gruppe. Naturbetrachtung und allgemeines philosophisches Erkenntnisstreben gehörten in der Wissenschaftsgeschichte lange zusammen. Erst in der Neuzeit emanzipierten sich die Naturwissenschaften mit eigenen Methoden. In der Detailbeschreibung der Gruppe werden beide Bereiche in Corvey aber getrennt aufgeführt und wahrgenommen.

Die Signaturen der Bücher in Corvey enthielten jeweils den Buchstaben einer dieser Sachgruppen und eine Nummer. Die heute in Paderborn aufbewahrten Druckschriften aus Corvey haben allerdings später neue Signaturen erhalten.

Natalie Neuhaus

 

Bezeichnung der Gruppe im alten Katalog

Übersetzung / Inhalte in der Sachgruppe

A

S. Scriptura et Interpretes

Biblische Schriften und Bibelauslegung

B

Canonistae

Kirchenrecht

C

S. Patres

Kirchenväter

D

Theologi

Weitere theologische Schriften

E

Pastoralia & Catechetica

Pastoraltheologie und Katechetik

F

Polemici

Kontroverstheologie

G

Concionatores

Prediger

K [& L]

Historia ecclesiastica

Biographia sacra

Kirchengeschichte

Hagiographie

M

Historia profana & Biographica

Profangeschichte und Biographisches

P & Y

Juridica – Publicistae – Civilistae – Feudal[ia] – Criminales &c &c

Weltliches Recht

Q & S

Philosophi – Physici – Medici – Oeconomi – Mathematici – Itinera[ria]

Philosophie, Physik, Medizin, Wirtschaft, Mathematik, Reisebeschreibungen

R

Philologi – Diplomatica – Critica – Dictionaria Linguistae – Rhetores – Epistolographi – Poetae – Iconologia, Emblematica – Inscriptiones

Philologie, Wörterbücher, Reden, Briefe und Dichtung, versch. historische Hilfswissenschaften

T

Ascetae Meditationes

Aszetik, Meditation

V

Miscellanea – Lexica realia – Litteralia – Magica – Theatralia

Lexika, Vermischtes, Literarisches

W

Ritualia – Liturgica – Statuta - Regula ordinum – Breviaria – Ductoria – Ceremonialia – Calendria

Liturgische Bücher, Ordensregeln