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Geschichte der Corveyer Klosterbibliothek

Die mittelalterliche Klosterbibliothek

Wie das Kloster selbst muss auch die erste, mittelalterliche Corveyer Bibliothek eine erhebliche Ausstrahlung besessen haben. Leider ist sie nach Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg heute nur noch wenig greifbar. Mittelalterliche Kataloge der Bibliothek gibt es nicht. Eine erhaltene Katalogabschrift der Corveyer Bibliothek von 1803 geht auf einen Katalog von 1793 zurück: Sie bezieht sich nur auf die neuzeitlichen Bestände.

Die mittelalterliche Bibliothek dürfte im 9. und 10. Jahrhundert eine Blütezeit erlebt haben    Wahrscheinlich erhielt sie eine Grundausstattung an Büchern aus dem Mutterkloster Corbie und Schenkungen aus dem kaiserlichen Umfeld.

Einige Corveyer Mönche waren in der frühen Bestehenszeit des Klosters schriftstellerisch tätig. Der Mönch Agius verfasste im 9. Jh. eine kunstvolle Vita der Hathumoda, der ersten Äbtissin in Gandersheim. Agius war mit ihr befreundet; der Lebensbeschreibung folgt ein Trauergesang (Epicedium). Der Mönch Widukind schrieb im 10. Jh. seine Sachsengeschichte (Res gestae saxonicae). Das wichtige Werk ist noch heute als Taschenbuch erhältlich. Es hat auch erzählerische Qualität und reichert die historischen Berichte mit sagenhaften Elementen an. Abt Bovo II. (942-948) hingegen kommentierte das philosophische Werk De consolatione philosophiae (Vom Trost der Philosophie). Diese spätantike, neuplatonische Schrift von Boethius stützt sich auf die klassische Philosophie und war im Mittelalter weit verbreitet.

Von dem Texterbe der schreibenden Corveyer Mönche kann man auf eine sehr qualitätvolle und umfangreiche Bibliothek in Corvey für ihre Studien schließen. Denn die eben genannten Autoren zitieren in ihren Werken Literatur, die für sie greifbar gewesen sein muss - wahrscheinlich direkt vor Ort. Man hat unter diesen Vorlagen viele antike Texte ausgemacht – solche von „Vergil, Sallust, Livius, Plinius, Ovid, Horaz“ und Flavius Josephus – aber auch Texte von „Beda, Paulus Diakonus, Isidor von Sevilla, Einhard“.

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts wurden von Corvey aus neue Klöster gegründet. Sie erhielten für den Beginn funktional notwendige Schriften aus Corvey. So bezog das Kloster Pegau vier liturgische Bücher und eine Benediktsregel hierher. Auch unter Abt Wibald (1146-1158) waren die Corveyer Mönche noch schreibend tätig. Viele Schriften Ciceros wurden damals für den eigenen Bedarf in Corvey zusammengetragen und kopiert. Das aufwendig und wunderschön gestaltete Liber Vitae Corveys aus dieser Zeit dokumentiert die Gebetsverbrüderung Corveys mit anderen klösterlichen Gemeinschaften. Es wurde aber wohl nicht in Corvey selbst, sondern in Helmarshausen hergestellt.

Später erscheinen eher Verluste für die Situation in der Corveyer Bibliothek sprechend. 28 Bände – zur damaligen Zeit eine beträchtliche  Menge Bücher – wurden 1412 nach Amelungsborn verliehen. Sie kehrten zumindest teilweise nicht nach Corvey zurück. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde unbemerkt eine Handschrift aus dem Kloster gestohlen und nach Italien gebracht, die als einzige auf der Welt die ersten 6 Bücher von Tacitus' Annalen (und damit Tacitus’ Sicht auf die Varusschlacht) überliefert.

Der Dreißigjährige Krieg bedeutete dann für die mittelalterliche Bibliothek in Corvey insgesamt das Ende. Nur wenige Bücher daraus wurden kontinuierlich bis heute bewahrt. Handschriften, die möglicherweise zur Corveyer Bibliothek gehört haben, sind heute zwar europaweit und sogar weltweit zu finden. Bei vielen davon ist jedoch die Herkunft nicht mehr eindeutig nachvollziehbar und beweisbar.

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Der Dreißigjährige Krieg - Verlust und Neubeginn

Der Dreißigjährige Krieg brachte dem Kloster Corvey schlimme Ereignisse. Mehrfach wurde das Kloster in den 1630er Jahren überfallen, geplündert und verwüstet. Auch die Bibliothek wurde dabei fast vollständig zerstört. Nach diesen Kriegswirren lebte der Abt in Höxter. Doch bald wurde mit dem Aufbau einer neuen Bibliothek begonnen.

1661-1678 stand das Kloster zunächst unter der Administration des Münsteraner Bischofs Christoph Bernhard von Galen. Schon unter seiner Führung wurde eine Reihe von Bücherkäufen für das Kloster getätigt. Christoph Bernhard führte als Landesherr eine allgemeine Schulpflicht für Kinder ein. Für die Bildung und Vorbereitung der Lehrer war Material in Form von Büchern notwendig - vielleicht fungierte auch die Corveyer Klosterbibliothek hier als Anlaufstelle. Allerdings sind im heutigen Bestand Corvey aus der Amtszeit Christoph Bernhards keine Schullektüren zu finden, sondern besonders juristische, historische und theologische Werke.

Die Benediktiner zogen aber für den Neubeginn auch Altbestände nach Corvey, die andernorts den Krieg ruhiger überstanden hatten. Man übertrug z.B. Bücher aus der Propstei Meppen in die Abtei. Dies ist für zwei Inkunabeln - also Wiegendrucke aus der Frühzeit des Buchdrucks bis 1500 – für das Jahr 1692 bezeugt. Die „Cellula Meppia“ war schon von Ludwig dem Frommen im 9. Jahrhundert an Corvey übertragen worden und blieb von Corvey abhängig; noch bis 1802 präsentierte der Corveyer Abt den dortigen Geistlichen. Ebenso wie derjenige von Meppen kamen die Pröpste von Marsberg und Brenkhausen in der Neuzeit aus dem Corveyer Konvent. Büchergaben aus diesen Klöstern sind aber nicht bekannt. Vermutlich unterhielten die dortigen Mönche und Nonnen gar keine umfangreiche Bibliothek.

Sehr viele der heute erhaltenen Handschriften aus Corvey – etwa 50 Bände – stammen zudem ursprünglich aus dem Kloster Bursfelde. Dieses Kloster im Weserbergland wurde im 11. Jahrhundert von Corvey aus besiedelt. Wann die Bursfelder Mönche ihre Bücher den Corveyer Benediktinern überließen, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich entschlossen sie sich dazu im Zuge des Dreißigjährigen Krieges. In dieser Zeit wurde das Kloster Bursfelde endgültig evangelisch - und in Corvey benötigte man dringend Bücher. Zudem würde eine Übertragung nach den Zerstörungen in Corvey erklären, warum so viele Bursfelder Codices in Corvey erhalten blieben - im Verhältnis zur geringen Zahl sonstiger Handschriften. Auch einige Inkunabeln kamen aus Bursfelde in den Corveyer Bestand.

Es gibt bis heute viele gedruckte Bücher im Bestand Corvey, die im 16. und frühen 17. Jahrhundert erschienen sind, also in der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg. Diese Bücher wurden aber wahrscheinlich antiquarisch für die Bibliothek erworben. Unter den Vorbesitzern lassen sich bisher keine Personen ausmachen, die in der reformatorischen oder vorreformatorischen Zeit in Corvey wirkten.

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Wiederaufbau und barocke Blüte

Unter allen Äbten, die nach dem Dreißigjährigen Krieg amtierten, sind Buchanschaffungen für die Bibliothek in Corvey bekannt. Bis 1793 wuchs der Bestand der Bibliothek auf über 6000 Werke an. Um etwas über die vorhandenen Werke zu erfahren, ist die Katalogabschrift von 1803 eine höchst interessante Quelle.  Zum Bestandsaufbau unter den einzelnen Äbten müssen in erster Linie Vermerke in den Büchern selbst befragt werden.

Zum ersten Abt in Corvey nach dem Tod des Administrators Christoph Bernhard wurde Christoph von Bellinghausen (Abt 1678 – 1696) gewählt. Fünf Bücher, die einen Vermerk seines Namens tragen, sind in Paderborn bekannt. Alle wurden innerhalb von 2 Monaten im Jahr 1689 angeschafft. Hauptsächlich handelt es sich um rechtliche Schriften. Vielleicht wurde hier eine Bestandslücke gründlich geschlossen.

Als bibliophile Persönlichkeit erscheint Abt Florenz von dem Felde (1696-1714). Er erhielt vom befreundeten Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Lüneburg zahlreiche Geschenke - neben Kunstgegenständen mehrere Bücher mit dem Charakter von Liebhaberstücken.  Im Kloster delegierte Florenz die Buchbestandspflege wohl an einen Mitbruder, Ansgar von Grass. Dieser handelte hingegen sehr nützlichkeitsorientiert und schaffte viel aktuelle theologische Literatur an.

Als „novae bibliotheca Corbeiensis fundator“, also als Gründer der neuen Bibliothek, gilt Abt Maximilian von Horrich (1714-1721). Er stellte den Bibliotheksraum im Kloster fertig und stattete ihn mit einer barocken Einrichtung aus. Er ersteigerte auch eine beträchtliche Menge Bücher 1721 bei einer Auktion in Bremen. Außerdem geht das typische Erscheinungsbild der Corveyer Bücher auf Maximilian von Horrich zurück: Sie tragen seither die typischen hellblauen Streifen, auf die die Signatur geschrieben ist.

Auch die Äbte Karl von Plittersdorf (1721-1737), Kaspar von Böselager (1737-1758), Philipp von Spiegel (1758-1776) und Theodor von Brabeck (1776-1794) schafften Bücher für die Bibliothek an.

Einige Drucke im Bestand Corvey tragen Namenseinträge von Corveyer Pröpsten in Marsberg, Brenkhausen und Meppen. Nicht wenige Bücher enthalten zudem Vermerke aus den Corveyer Patronatspfarren Amelunxen, Beverungen, Godelheim und Haddenberg/Jakobsberg. Eingang darin fanden zusätzlich zahlreiche Manuskripte zu in Corvey gehaltenen Vorlesungen. So entstand im 17. und 18. Jahrhundert eine umfangreiche und qualitätvolle neue Sammlung im Kloster.

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Die Bibliothek nach  1803

1803 wurde das Bistum Corvey im Zuge der Säkularisation aufgehoben. 1793 wurde das Kloster Corvey noch zum Fürstbistum erhoben, existierte das Bistum noch bis 1825, dass auch das Ende des monastischen Lebens in Corvey beendet und die Bibliothek nicht mehr benötigt wurde. In dieser Zeit wurden viele Bücher aus den nicht gesichteten Bibliotheksräumen am Geweihgang geraubt, ausgeliehen oder entwendet. Der Jurist Paul Wigand (1786-1866) war es der sich um die noch erhalten Buchbestände der alten Klosterbibliothek bemühte. Paul Wigand

Danach wurde die Corveyer Klosterbibliothek zu einem großen Teil zerstreut. Vom Katalog der Bibliothek, der noch 1793 erstellt worden war, ließ man eine Abschrift anfertigen. Viele Bücher gab man nun an weltliche Institutionen ab. Der vor Ort verbleibende Bestand soll zudem zeitweise für jedermann ohne Kontrolle zugänglich gewesen sein. Auch dadurch kam es zu einer Dezimierung; viele Werke wurden „ohne Annotation verliehen oder sonst verschleudert“ (Wigand).

Zuerst gingen Bücher aus Corvey 1806 nach Fulda. Recht aktuelle, historische Literatur wurde dorthin geordert. Nicht wenige der angeforderten Bände fehlten aber schon zu diesem Zeitpunkt in der Bibliothek.

1811 kamen Bücher aus Corvey an die Universitätsbibliothek in Marburg. Nach anfangs ungewisser Zukunft erlebte diese Universität nach 1809 Aufschwung und Festigung im neuen Königreich Westfalen. Sie erhielt mehrere umfangreiche Buchbestände auch aus Lucklum, Helmstedt und Rinteln.

Eine Liste der aus Corvey nach Marburg transferierten Bücher fehlt. In der älteren Literatur wird die Anzahl der Werke mit 400 beziffert. Die gelieferten Drucke sind im Gesamtbestand der Marburger Bibliothek aufgegangen, sie blieben nicht geschlossen zusammen. Bei manchen ist die Herkunft aus dem Weserkloster im alten Bandkatalog gekennzeichnet. In vielen Fällen ist die Provenienz aber nur noch an den Büchern selbst erkennbar: an den blauen Streifen auf dem Rücken und an Besitzeinträgen des Klosters. Daher ist es nicht leicht, die Corveyer Bücher in dem großen Bestand in Marburg gezielt zu suchen und vollständig aufzufinden.

34 Handschriften und drei Fragmente mit eindeutiger Corveyer Herkunft sind zudem heute in Marburg vorhanden. Die Kodices entstammen aber fast ausnahmslos der Bücherübertragung aus Bursfelde und sind der neuzeitlichen, nicht der mittelalterlichen Bibliothek in Corvey zugehörig.

Eine weitere Einrichtung, die nach der Säkularisation mit Büchern bedacht wurde, war die 1818 gegründete Universität Bonn. Für sie suchte man 232 Einheiten – fast ausschließlich Drucke - aus dem verbliebenen Rest Corveyer Bücher aus. 1820 kam die Lieferung an. Ebenso wie in Marburg wurden die Corveyer Bücher dem Gesamtbestand eingeordnet und erhielten neue Signaturen. Hier ist aber durch ein Zugangsjournal mit genauen Angaben bekannt, welche Werke aus Corvey übernommen wurden. In Bonn kann also mit kalkulierbarem Aufwand eine Extraktion der Corveyer Stücke versucht werden. Dennoch sind nicht alle damals aufgelisteten Bücher mehr in Bonn zu erwarten. Kriegsverluste und zuvor Tausch oder Dublettenaussonderung haben für eine Reduzierung gesorgt.

Der Rest der Bücher aus dem Kloster, die „als wertlos zurückgelassen“ wurden, soll bei Warinus von Schade in Höxter verblieben und dann nach Corvey zurückgekehrt sein. Von Schade war während der Bestehenszeit des Klosters und Bistums dort Mönch, Domdechant und Generalvikar. Viele Bände im heutigen Bestand Corvey in Paderborn enthalten zudem den Namen von Franziskus Schröder, Seminarist  im Priesterseminar zu Corvey und Pastor in Amelunxen. Auch er hat vielleicht Bücher aus Corvey zu sich genommen, die später wieder in den Bestand gelangten. Ebenso nahm Paul Wigand, der Anfang des 19. Jahrhunderts die Bibliothek und das Archiv in Corvey betreute, einige Corveyer Stücke mit und verwahrte sie privat. Hoffmann von Fallersleben erwarb 1863 als Bibliothekar der fürstlichen Bibliothek Corvey von ihm Bücher und Handschriften des Klosters zurück.

Etwa 2500 Bände aus dem ehemaligen gedruckten Bestand der Klosterbibliothek haben sich in Corvey zusammenhängend erhalten. Sie befinden sich nunmehr seit 1975 in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn. Eine Reihe Bücher anderen Ursprungs hat sich auf ungeklärtem Wege hinzugemischt. Der Bestand in Corvey ist zu einem unbekannten Zeitpunkt nach 1820 umsigniert worden und trägt nicht mehr die Signaturen des alten Kataloges. Auch die in Corvey und Höxter zurückgebliebenen Handschriften des Klosters befinden sich heute in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek, daneben dem Diözesanmuseum und dem Erzbistumsarchiv Paderborn.

Besonders die Drucke aus Corvey blieben 200 Jahre lang weitgehend unbeachtet und unbearbeitet. Durch das Corvey-Projekt wurden sie nun teilweise erschlossen und sind wieder einer Benutzung und Erforschung zugänglich.

Natalie Neuhaus

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